Den Zahn der Zeit verschlafen

vgwortHAMBURG Landhaus Scherrer Es ist immer wieder schön, inkognito unterwegs zu sein. Eine offizielle Pressereise in das Landhaus Scherrer wäre garantiert anders verlaufen als meine private Stippvisite.

In der Vergangenheit bin ich von Köchen öfter gefragt wurden, ob ich das Landhaus Scherrer in Hamburg kennen würde. Sterneküche, Gourmetrestaurant, mehr als drei Jahrzehnte an der Spitze – das musste ein Geheimtipp sein. Beim letzten Kurzaufenthalt in der Hansestadt wollte ich es wissen und nutzte die Zeit für eine Einkehr und meine ganz persönliche Recherche.

Zunächst sah es auch nach einem Geheimtipp aus: Eine freundliche Mitarbeiterin am Empfang, die gleich nach der Jacke fragte. Schöner Platz im Bistro, eine alternative Speisekarte zu den Menüs im Gourmetbereich, eine nette Bedienung. Dann der Cut: Am Nachbartisch ließ sich die “feine Gesellschaft” nieder und wurde sogleich mit den Worten empfangen: “Ich freue mich immer ganz besonders, wenn Sie in unser Haus kommen”. Prinzipiell ist da nichts gegen zu sagen, wenn diese “Lobhudelei” nicht derart laut preisgegeben werden würde, dass sich die anderen Gäste vor den Kopf gestoßen fühlen.

Mit der “feinen Gesellschaft” wechselte auch der Service. Der Wein wurde lässig und pro Glas unterschiedlich eingeschenkt, jedoch entsprechend berechnet. Das Essen war gut, aber nichts besonderes. Es interessierte auch niemanden ob es schmeckt – anders als es in Gourmetrestaurants, in denen sich der Koch sogar persönlich vorstellt, üblich ist. Das Preis-Leistungs-Verhältnis hingegen war gepfeffert. Und nach der Rechnung blieb letztendlich nur der Weg durch die Tür. Kein persönlicher Abschiedsgruß, keine Hilfe in die Jacke, ein kurzer Blick schweifte zum Chefkoch Heinz O. Wehmann, der sich angeregt mit Gästen unterhielt, die er kannte und dabei gar nicht bemerkte, dass er vielleicht neue Gäste hätte kennen lernen können.

Ähnlich muss sich dieser Gast schon einmal gefühlt haben. Auch seine Erwartungen waren ganz bestimmt nicht zu hoch. Denn: Derartige Klassiker müssen immer ein Interesse daran haben, auch neue Gäste für sich zu gewinnen und Erwartungshaltungen übererfüllen.

Mein Fazit bewegt sich jedoch in dem Bereich “Zahn der Zeit verschlafen” oder “Wir haben es gar nicht nötig”.

3 Antworten auf „Den Zahn der Zeit verschlafen“

  1. Hallo,
    das ist ein interessanter Beitrag. Bisher habe ich auf verschiedenen Events mit Herrn Wehmann zusammen arbeiten müssen und es war immer sehr anstrengend, da er sich für den Koch schlechthin hält. Seine Azubis werden auch schon so gedrillt, dass sie etwas besonderes seien und sich glücklich schätzen können dort zu lernen. So verhalten Sie sich dann teilweise auch anderen Azubis und sogar ausgelernten Fachkräften gegenüber.
    Der liebe Chefkoch scheint auch noch von der alten Schule zu sein, was nun bedeutet, dass Küche und Service scheinbar verfeindet sein müssen.

    So ist es auch kein Wunder, dass eine solche Erfahrung, quasi zwangsläufig, das Resultat ist. Was wirklich schade ist, da er eigentlich fachlich sehr versiert ist.

    Liebe Grüße
    Sue

  2. und nicht nur dort! Deshalb geh ich lieber in Jeans und Turnschuhen um zu sehen, ob jeder Gast gleich nett und zuvorkommend bedient wird!

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