Mehr Mut zur Fachkompetenz

Zwischen Fachjournalisten und Redaktionen könnte es fruchtbarer zugehen – ein Annäherungsversuch

(Dieser Beitrag ist im Fachjournalist erschienen und hat zahlreiche Reaktionen hervorgerufen. Ich veröffentliche deshalb an dieser Stelle einige Passagen. Der komplette Beitrag ist hier zu finden.)

In der medialen Wahrnehmung hat die seichte Unterhaltung längst die hintergründigen Formate verdrängt. Die Gewichtung scheint aus den Fugen zu geraten wenn Einschaltquoten und Auflagenzahlen die Inhalte bestimmen. Für Fachjournalisten ist es schwierig, ihre Kompetenzen zu vermarkten – denn sie treffen gerade in der Publikumspresse auf Redakteure, die sich exakt diesen Vorgaben unterwerfen müssen. Doch es gibt sie, die Fachmedien, die Spezialisten für qualifizierte Beiträge suchen. Die Publikumspresse scheint indes ebenfalls nach ihnen zu suchen, wenn Fachjournalisten in der Lage sind, ihre Kompetenz für ein breites Publikum herunterzubrechen.

Leider gibt es für unsere Thematik nur wenige Fachjournalisten

“Wir suchen freie Autoren, die aus Österreich, dem Sauerland und den neuen Bundesländern berichten. Leider gibt es für unsere Thematik aber nur wenige Fachjournalisten”, sagt DIETER BIERNATH, Chefredakteur und Herausgeber der Fachzeitschriften FORSTMASCHINENPROFI und ENERGIE PFLANZEN. Beide Zeitschriften erscheinen im Forstfachverlag in Scheeßel. Der Fachkollege FERDINAND OBERER fühlt sich in diesem Verlag gut aufgehoben. “Hier darf ich ausführlich und kritisch berichten“, sagt er. Als Diplomforst- und Diplombetriebswirt könne er in diesem Verlag beispielsweise darüber schreiben, wie größere Konzerne die Entwicklungen auf dem Markt der erneuerbaren Energien torpedieren. Ich sehe mich als freier Journalist verpflichtet, kritische Dinge anzusprechen, und habe mich nicht zuletzt aus diesem Grund dem Journalismus zugewandt”, erzählt er.

Manchmal findet Kritik statt, aber dann vielleicht auf der Seite Zwei

FERDINAND OBERER beobachtet indes, dass es nicht viele Medien gibt, die sich offen kritisch über die Branche äußern, über die sie berichten. “Manchmal findet Kritik statt, aber dann vielleicht auf der Seite Zwei”, beobachtet auch CARSTEN HENNIG. Der Hamburger Journalist ist ein erfahrener Mann innerhalb der Hotellerie- und Tourismusbranche. Sein Schwerpunkt liegt im Onlinejournalismus sowie in der Unternehmenskommunikation. Er weiß, dass die Thematik Lebensmittelzusätze in Convenience-Produkten (Fertiggerichte bzw. vorgefertigte Food-Komponenten) eine hohe Aktualität und Relevanz besitzt, diese aber in den Fachmedien kaum diskutiert wird, weil die Anzeigenkunden dann nicht gehalten werden können.

Wieder spitzer und pointierter formulieren

Gerade weil eine fachlich fundierte Berichterstattung ohne den kritischen Ansatz jedoch nicht auskommen kann, wünscht sich CARSTEN HENNIG mehr Mut in den Redaktionen. “Wir sollten wieder spitzer pointieren und formulieren. Ich wünsche mir noch viel mehr Hintergrundinformationen in den Medien und sehe hier eine Chance für die Fachjournalisten”, beschreibt er. Denn HENNIG beobachtet auch, dass Themen, die etwa unter den Topmanagern der Hotellerie diskutiert werden, das Haus überhaupt nicht verlassen. “Als Journalist bekomme ich die Information erst am Ende, es sei denn, ich habe ein enges Netzwerk”, sagt der Journalist. Fachjournalisten sollten sich deshalb auf die außergewöhnlichsten Themen stürzen und diese als Multiplikatoren verbreiten.

Sportangebot deutlich vielfältiger gestalten

“Ich wünsche mir das Comeback eines hintergründigen Sportmagazins im Fernsehen, wie etwa des SPORTSPIEGELS beim ZDF oder SPORT UNTER DER LUPE vom SWR. Dieses Magazin sollte wöchentlich oder mindestens 14-tägig erscheinen und Fehlentwicklungen im Sport rechtzeitig antizipieren und dann adäquat kritisieren”, sagt Prof. Dr. phil. MICHAEL SCHAFFRATH. Der kommissarische Leiter des Lehrstuhls für Sport, Medien und Kommunikation an der TECHNISCHEN UNIVERSITÄT MÜNCHEN und Herausgeber der Schriftenreihe SPORTPUBLIZISTIK plädiert zudem seit Langem dafür, dass ARD und ZDF sich nicht in diesem ökonomisch unvernünftigen Maße um Fußballrechte bemühen sollten. Vielmehr sollten sie aufgrund der Gebühreneinnahmen ihre Möglichkeiten nutzen, das Sportangebot deutlich vielfältiger zu gestalten.

Sinkender Einfluss der ärztlichen und medizinjournalistischen Kompetenz
Auch der Mediziner Dr. med. CHRISTOPH FISCHER kann für den Medizinjournalismus nicht immer eine ausgewogene Berichterstattung in den Medien erkennen. “Ich persönlich habe in den letzten Jahren meines journalistischen Berufslebens als Ressortchef Medizin der Bundesausgabe der BILD-Zeitung die Erfahrung eines kontinuierlich sinkenden Einflusses meiner ärztlichen und medizinjournalistischen Kompetenz verspürt und daraus die Konsequenz – Kündigung – gezogen”, beschreibt er. Die Krux: Gerade Medizinjournalisten bringen aus seiner Erfahrung heraus für die journalistische und redaktionelle Arbeit, wie etwa Themenfindung und Relevanzüberprüfung, nur ungenügendes Verständnis auf. FISCHER hat beobachtet, dass es große Diskrepanzen gibt: “Ein journalistisches Stück ist keine wissenschaftliche Abhandlung”, sagt er und plädiert für eine solide journalistische Bildung mit fachlichem Hintergrund.

Beim Lufthansa-Bordmagazin darf Andreas Spaeth nicht kritisch sein
Der Luftfahrtjournalist ANDREAS SPAETH kommt mit dem Spagat zwischen Fachkenntnis und journalistischem Gespür seit Jahren gut zurecht. “Zum Glück gibt es in Deutschland fast niemanden, der genau das macht, was ich mache”, erklärt er. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, Themen herunterzubrechen. “Generell ist mir eine gute Verständlichkeit sehr wichtig”, betont der Journalist mit eigenem Pressebüro in Hamburg. Auch mit kritischen Themen hat er keinerlei Probleme, da er sich in seiner Kolumne SPAETHFOLGEN auf dem Branchenportal airliners.de ausleben darf. „Ich arbeite auch für Kundenmagazine wie das LUFTHANSA-Bordmagazin. Da darf ich überhaupt nicht kritisch sein. Richtig reinhauen kann ich in den SPAETHFOLGEN, die übrigens in der Branche gut ankommen”, beschreibt er.

Fachliche Spezialisierung ist für freie Fachjournalisten sinnvoll
Diesen Luxus können sich jedoch längst nicht alle Fachjournalisten leisten. Schon gar nicht, wenn der Markt übersät und das Themengebiet in den Sendeformaten nicht flexibel gestaltbar ist. Letztendlich ergab die Recherche bei allen freien Fachjournalisten jedoch, dass die fachliche Spezialisierung sinnvoll ist. Im Unterschied zwischen der Fach- und Publikumspresse könne man die Fachpresse immer noch als einen fundierten Lieferanten von Hintergrundinformationen bezeichnen. Die Fachpresse sei sehr speziell und viel professioneller geworden, beobachtet CARSTEN HENNIG und gibt den Fachkollegen den Rat, sich genau zu überlegen, welcher Redaktion sie ein Thema anbieten. Das Problem “Themenklau” kennt auch er, weshalb HENNIG bei eigenen Themenvorschlägen nur mit einer passwortgeschützten PDF-Datei an die Redaktionen herantritt.

Fachjournalisten haben meist einen Informationsvorsprung FERDINAND OBERER spricht auch von “Futterneid”. Er habe erlebt, dass ihn Redakteure demütigten. “Es gibt angestellte Journalisten, die Themen von fachlich fundierten freien Kollegen nicht annehmen”, sagt er. Auch die Osteuropa-Expertin Dr. BIRGIT WETZEL erklärt, dass nur einige Redaktionen ihre Themen aufnehmen. “Ich habe durch meine vielen Reisen einen großen Informationsvorsprung. Wenn ich mit den Redaktionen darüber ins Gespräch kommen möchte, erkennen diese meist die Bedeutung von Ereignissen nicht in ihrer Tragweite”, beklagt sie. Sie beobachte, dass die Redaktionen dünn besetzt sind, nicht immer auf die richtigen Fachkollegen zurückgreifen und an einigen Themen vorbeigingen. Sie sagt deshalb: “Die Presse kastriert sich um fachkundige Beiträge”.

Eine Antwort auf „Mehr Mut zur Fachkompetenz“

  1. Der Artikel ist sehr interessant, danke!

    Interessant ist für mich vor allem, dass auch in anderen Bereichen dieselbe Oberflächlichkeit um sich greift. Die Lobbyisten werden sich dafür bedanken!

    Wenn dann auch noch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sparen, na prosit!

    Ich denke, sie müssten ihr Geld anders ausgeben: Sie könnten die Millionen sparen, die sie nicht für Star-Auftritte ausgeben. Sie sollten ihren eigentlichen Auftrag wieder wahrnehmen, und hätten dafür auch genug Geld für alles, was jetzt auf der Strecke bliebt. Wenn dann auch noch die Gehälter der Leitenden in dem Rahmen bleiben, den sie selbst offen vertreten können, dann sind wir auf dem, richtigen Weg.

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